Joachim Witt Supportersinterview

Im Dezember 2019 haben wir uns mit Joachim zusammengesetzt und ein Interview geführt, in dem wir ihm Eure zuvor gesammelten Fragen gestellt haben. 

Hier nun der erste Teil unseres großen Interviews, viel Spaß beim Lesen!


Felicia Vita Tua: Was bedeutet Musik für dich, Joachim? 


Musik bedeutet alles für mich, weil ich nichts anderes kann. Es entspricht meiner eindeutigen Begabung. Und ehe ich etwas halbherzig mache, mache ich lieber etwas was mir mitgegeben ist, was ich Gott sei Dank herausgefunden habe im Laufe der Jahre, auch früher schon. Hat sich klar abgezeichnet, deshalb gab es da keine Frage. Das war von Anfang an eigentlich deutlich. 


(Zwischenfrage: Aber Du hast ja viele andere Sachen noch versucht, oder?)


Ja, das stimmt. Fotografie, Schauspielerei. Aber letztendlich liegt mir dieses völlig autonome Arbeiten am besten. Wenn ich selber immer alles entscheiden kann und nicht “fremdgesteuert” bin. Wenn ich keine besonderen Kompromisse machen muss. Ich finde es gut wenn ich meine Entscheidungen selber treffen kann. Das muss man alles erst einmal im Laufe der Zeit selber für sich herausfinden. Wenn die eigenen Entscheidungen dann irgendwann auch von Erfolg gekrönt sind, und man letztendlich recht behält mit seinem Weg. Da habe ich schon eine ganz gute Karte gezogen, das gelingt ja auch nicht jedem. 


(Zwischenfrage: Wobei das bei Dir ja letztendlich doch “relativ” spät kam, richtig?)


Ja, das ist wahr. Die ersten Versuche waren mit DUESENBERG. Das was davor war, das kannst du vergessen. (lacht) Das waren Experimente, total fremdgesteuert. Ich dachte damals, irgendwann muss man ja mal anfangen. Da schaut man dann nur nach Leuten die einem helfen können, und die aus einem bestimmten Bereich kommen. Auch wenn ich damals diesen Bereich gar nicht mal selber wollte. Die Leute kamen nicht aus dem Rockbereich, sondern eher aus der konventionellen Sparte. Diese JULIAN-Sachen zum Beispiel. Man probiert das dann erst einmal aus, um überhaupt etwas zu machen. 




Uwe Schulz: Welche Ziele hast du noch, Joachim?


Ich fände es schon ganz schön, wenn ich noch ein wenig mehr Leute erreichen würde. Das würde ich wirklich ganz gut finden. Wenn die Konzerte z.B. noch ein bisschen größer werden. Die Live-Auftritte habe ich ja quasi vollkommen neu für mich entdeckt in den letzten Jahren. Es ist ja erst seit ein paar Jahren wieder so, dass ich live überhaupt wieder präsenter bin. Das würde mir gefallen, wenn da noch einmal so ein bisschen mehr “Zug” hineinkommt. Aber ich kann mich ja nun wirklich nicht beklagen. Auch in dem Rahmen, in dem es jetzt stattfindet, finde ich es wirklich sehr schön, das macht doch richtig viel Spaß! 

Ich mache ja im Prinzip “Nischenmusik”. Das ist natürlich kein gewöhnliches Mainstream-Ding. Auf der anderen Seite ist es aber auch gut dass es das nicht ist, weil man sich auf die Fans viel besser verlassen kann. Und da gibt es dann auch kein “aber”. Das ist eindeutig besser so. 


(Zwischenfrage: Aber du vergleichst dich schon ab und zu mit anderen Künstlern?)


Naja, schon. Wenn man mal so in den Mainstream schaut und man sieht, mit was man da so alles relativ erfolgreich sein kann, dann fragt man sich schon: warum?? (lacht)




(Zwischenfrage: Muss ich die Frage von Thomas Schulz wirklich noch vorlesen? *lacht* - Joachim: Ja, bitte!)


Thomas Schulz: Wäre ein Rübezahl-Remix von dem Lied STEIF eine realistische Idee?


Nein!! (lacht) Einfach nur NEIN!! 

Aber ich glaube, mit dem neuen Song KOPFSCHWUL konnte ich Thomas jetzt erst einmal wieder zufrieden stellen. Zumindest vorläufig. (lacht) 




Manuel Deutschle: Welches Album siehst du als dein wichtigstes an, und warum?


Das ist immer die Frage unter welchem Aspekt man das sieht. Unter dem Erfolgsaspekt war natürlich erst einmal SILBERBLICK das wichtigste Album, weil das irgendwie so eine Lawine losgetreten hat, und es so einen ganz eigenen Sound hatte. Den konnte man auch nicht mit anderen vergleichen, und deshalb bekam dieses Album von sich aus schon eine Art Alleinstellungsmerkmal. Deshalb war dieses Album für meine Karriere wohl das wichtigste. 

Desweiteren empfinde ich BAYREUTH 1 als ziemlich spektakuläres Album. Das war eine Art Wendepunkt, zwar schon ziemlich szenekompatibel und vergleichbar mit anderen Sachen, deshalb fällt hier dieses Alleinstellungsmerkmal weg. Aber ich finde das Album an sich einfach sehr stark. 

Dann vielleicht DOM noch. Und jetzt definitiv die RÜBEZAHL-Serie. Da bin ich jetzt so richtig angekommen. Ich wüsste jetzt nicht was ich daran noch verbessern oder anders machen sollte. Das ist qualitativ, von der Produktion her, vom Sound und auch vom Songwriting her, schon ziemlich hohes Niveau, finde ich. Ich wüsste nicht welcher deutschsprachige Act in diesem Genre momentan Ähnliches produziert. Dieses Niveau würde ich gerne halten, das wäre toll. Und mit Chris Harms kann ich das Niveau halten.  



Max Maulwurf: Kommst du auch mal ins Erzgebirge? 


Ob ich mal ins Erzgebirge komme? (überlegt) Was ist denn da in der Nähe? (lacht) Das ist ja noch süd-östlich von Sachsen, oder? Nein, das IST Sachsen! An der tschechischen Grenze. Irgendwann komme ich da bestimmt mal hin. (zwinkert)



Alexandra Hegering: Beginnst du das Schreiben Deiner Texte mit einer konkreten Idee, oder hast du einen bestimmten Satz um den herum du dann den Text bastelst? 


Oft habe ich eine bestimmte Aussage, oder ein Wort nur. Ein Wort das ich gut finde, und zu dem ich dann eine Geschichte entwickel. Das muss dann atmosphärisch natürlich zur Musik passen. 



Alexandra Hegering: Woher nimmst du eigentlich die Inspirationen für das, was du mit deiner Musik erschaffst?


Oh… Das kann ich dir gar nicht sagen. Das ist irgendwie gesteuert, das ist eine Art Begabung die man nicht erklären kann. Wenn du dich mit musikalischen Sachen beschäftigst, dann kommen die Ideen, dann kommen die Gedanken. Das eine ergibt sich dann sofort wieder aus dem anderen. Ich benutze da dann eher auch Umgangsdeutsch. Auch ganz bewusst, mit so “Straßenwörtern”. Weil ich das irgendwie besser finde. In den Texten ist es dann eher schon wieder anders. Da versuche ich dann schon lieber in die poetische Richtung zu gehen, mit poetischen Bildern zu arbeiten. Da achtet man schon genauer darauf, welches Wort man nimmt. Da bewegt man sich in einer ganz bestimmten Gedanken- und Wortwelt. Deshalb kommt es auch immer wieder vor, dass ich bestimmte Worte wiederhole in meinen Texten. Das kannst du gar nicht verhindern. Weil es diese Gedankenwelt ist, in der man sich immer bewegt. 


(Zwischenfrage: Kannst du denn sagen was für dich mehr Emotionen transportiert: Die Musik oder die Texte? Oder beides?)


Für mich eindeutig die Musik. Nach außen hin ist es immer die Kombination. Wenn der Text schwach ist und die Musik gut nützt dir das gar nichts. (lacht)



Svenja Dawn Kelly: Wer sind deine Vorbilder?


Vorbilder kann ich nicht so sagen, es sind mehr so musikalische Geschmacksvergleiche. Es sind eher Künstler die ich schätze, aber als Vorbild würde ich das nicht bezeichnen. “Vorbild” ist für mich in meinem Alter auch wohl eher der falsche Ausdruck. Wenn ich jetzt 25 oder 30 Jahre alt wäre, dann wäre das etwas anderes. Aber so geht es eher um Personen die ich schätze. 

Im politischen Bereich ist das z.B. Sahra Wagenknecht. Sie ist für mich eine zentrale politische Figur, die immer ganz genau weiß wovon sie spricht. Ihr geht es um den Menschen und die Art der Gesellschaft. Letztendlich geht es ja nicht nur um Benachteiligung, es geht ja auch um die Systemfrage. Ich finde auch nicht mal dass es etwas mit “links” oder “rechts” zu tun hat. Ich finde die Person Sahra Wagenknecht möchte für die Menschen was bewegen, und denkt dabei weniger an sich als an die Menschen als solche. Und das mit diesem “Style” vorzutragen, mit diesem Gefühl für äußere Erscheinung, Geschmack und Ästhetik, diese Kombination ist faszinierend. 

Dann zum musikalischen Bereich. Da gibt es viele Künstler die ich schätze. Herausragend, auch von seiner Experimentierfreudigkeit her, ist hier für mich David Bowie. Auch wenn mir längst nicht alles von ihm gefällt. Aber er hat sich immer wieder eine neue Herausforderung gesucht. Und “Heroes” zum Beispiel kann man ja kaum noch toppen. Im Soul-Bereich gibt es für mich dann noch Vergleichbares, von früher. Marvin Gaye zum Beispiel. Das Album “What’s going on” ist für mich eine Jahrhundert-Platte! Schon in den 60ern fand ich den Soul ganz großartig. Vor allem den Motown Soul. Aretha Franklin. Damals war das irgendwie anders als heute. Das war so innovative Musik, die dann auch zum Hit wurde. Heute wird ja innovative Musik nicht unbedingt mehr zum Hit. Heute kopiert der eine den anderen. Und es gibt wenig, das noch so richtig herausragt. Diese ganze Abteilung Ariana Grande zum Beispiel ist ja gerade erst den Windeln entwachsen. Das ist dann auch von der Musik her ein spezielles Teenager-Ding. Das ist dann nicht mehr mein Sound, damit kann ich nicht so viel anfangen. Ich mag diesen amerikanischen Sound, der in diese Richtung geht, nicht unbedingt. Vergleiche das mal mit den 60ern. Nimm mal Woodstock. Diese innovative Musik hatte immer das Potential zum Hit. Es gab extreme Bands und weniger extreme Bands. Die Beatles z.B. waren eine weniger extreme Band. Aber die waren so fantastisch, so ungewöhnlich in ihrem Sound, dass sie Massen begeistern konnten, und trotzdem auf einem hohen Niveau stattfanden. Das war bei den Acts damals aber meistens so. Und jeder hatte seinen ganz eigenen Sound. Das ist heute nicht mehr so, finde ich. Heute ist vieles einfach angepasst, einspurig. Die 68er dagegen waren eine ganz andere Geschichte. Dementsprechend war auch das Abbild der Musik und der Gesellschaft. Heute ist alles sehr angepasst und bewusst gesteuert. Durch Konzerne und legitimierte Politiker, die dann die Interessen der Konzerne weitertragen. Wenn sie ein soziales Bewusstsein hätten oder den Menschen was Gutes wollten, dann würden sie nicht diese Häppchenpolitik betreiben. Nimm mal den Mindestlohn. Plötzlich gibt es einen Mindestlohn, nach Jahren der Quälerei. Alles ist global vernetzt, die ganzen Think Tanks, die Konzerne. Und die haben natürlich auch ein bestimmtes Bestreben, die Menschen als -sagen wir mal “Arbeitsmaterial”- immer verfügbar zu halten, ohne dass diese aufmüpfig werden oder soziale Unruhen entstehen. Jedesmal kurz bevor es zu solchen Unruhen kommt, kann man immer beobachten dass einem dann solche “Häppchen” wie der Mindestlohn präsentiert werden. Dann hält die Bevölkerung erst einmal wieder schön den Mund. Oder andere soziale Leckerbissen, die aber keine wirklichen Maßnahmen sind. Nur damit erst einmal wieder ein bisschen Ruhe ist. Und das finde ich fürchterlich. Das ist einfach unmoralisch und menschenverachtend. Man sollte mal so langsam ein System finden, bei dem die Menschen zumindest mal auf einer demokratischen Mitspracheebene beteiligt werden. Die Konzerne müssen ja nicht schlechter abschneiden dadurch. Ist ja nicht so dass keiner arbeiten will. Die wollen ja alle Geld verdienen. Aber können sie nicht anständig Geld verdienen? Im Verhätnis zu dem was verdient wird? Dann wäre doch auch sofort eine ganz andere Zufriedenheit in der Bevölkerung vorhanden. Man sollte versuchen weg zu kommen von dem unteren Rand, dass man immer kurz vor sozialen Unruhen steht. Für mich unterscheidet sich das nicht groß von den Großgrundbesitzern früher, mit ihren Sklaven in den Baumwollfeldern. Das ist für mich genau das selbe. Das ist heute nur in eine andere Form gegossen. Da hat sich nicht viel verändert. Wir werden vielleicht nicht mehr ausgepeitscht, dafür bekommen wir aber die psychologische Peitsche zu spüren. 



Rüdiger Görs: Was wäre deine erste Amtshandlung, wenn du für eine Stunde Kanzler sein könntest?


(überlegt lange) Ich glaube, ich würde erst einmal 90% der politischen Vertretung rausschmeißen. Erst einmal richtig aufräumen dort. (lacht)

Bevor wir dann zu den richtigen sozialen Fragen kommen. Erst einmal aufräumen. 



Rüdiger Görs: Gibt es noch eine Duettpartnerin/einen Duettpartner, mit der oder mit dem du gerne mal singen würdest?


LP würde ich geil finden! Das würde ich glaube ich lustig finden. Ich weiß nicht ob das passt, von der Kombination her wäre das aber sehr interessant. Fast schon exotisch. 

Aus der Szene fällt mir jetzt spontan niemand ein.

Ansonsten vielleicht Zucchero noch. Könnte ich mir gut vorstellen. Ich mag viele seiner Songs extrem gerne. Seine theatralische Art. Das mag ich, da gibt es Titel die ich sehr schön finde. 



Mandy Pittner: Schreibst du alle deine Texte selbst, und schreibst du auch für andere Künstler? 


Die meisten Texte schreibe ich selber, und für andere schreibe ich nichts. 

Aber das ist nicht weil ich es nicht will, sondern ich werde gar nicht angesprochen (lacht). Früher habe ich das mal gemacht, aber das war dann eher Mainstream. Ich finde, am besten bin ich einfach wenn ich für mich schreibe, da es so eine ganz eigene Art hat. Dann ist es vielleicht auch gar nicht mal gut wenn ich für andere schreibe. 


Mike Bauer: Hast du schon einmal Ärger bekommen wegen deiner Sprüche zwischen den Songs? Ich find’ die ja klasse und hau’ mich jedesmal fast weg.


Ärger in dem Sinne nicht, aber dass es Leute stört, das habe ich schon erlebt. Die auch den Humor gar nicht verstehen. Die finden das alles andere als lustig. Weil die den Humor einfach nicht haben. Das muss man aushalten können. Es gibt dann schon ab und an mal Kommentare auf Facebook. Klar habe ich eine besondere Art was das betrifft, einige Sachen traut sich auch sonst keiner zu sagen, weil es auch oft sehr selbstironisch ist. Das sind einfach Humordifferenzen. Kommt schon vor. 


(Zwischenfrage: Und was ist dann für dich persönlich störender? Derartige Kritik, oder Zwischenrufe aus dem Publikum?)


Beides. Eins wie das andere. Da gibt es für mich keinen Unterschied.